Die Situation des Tals und die Frage „Warum eine école vivante im Ait Bouguemez?“

Das Tal der Ait Bouguemez ist ein abgelegenes Tal inmitten des marokkanischen Hohen Atlas auf 1800m Höhe und weit entfernt von den nächsten größeren Städten. Die Bewohner des Tales sind Berber die von ihrer kleinen Landwirtschaft und der Viehzucht, in den Sommermonaten auch vom immer stärker wachsenden Tourismus leben.
Im Tal herrscht mitteleuropäisches Klima mit mild-warmen Sommern und kalten Wintern mit Schnee. Das Leben hier ist geprägt vom Rhythmus der Jahreszeiten und der rauen Natur. Die Lebensweise der Menschen ist in vielen Bereichen noch sehr altertümlich und die meisten Arbeiten werden nach wie vor homogen und in Gemeinschaft erledigt, man braucht einander und der Einzelne ordnet sich der Gruppe unter.

Das Tal erstreckt sich über mehrere Kilometer und besteht aus vielen kleinen Dörfern. In fast jedem Dorf gibt es eine Moschee, kleinere Krämerläden und eine Grundschule, in welcher auf kleinstem Raum und unter einfachsten Verhältnissen unterrichtet wird. Der Unterricht erfolgt auf Arabisch und die meisten Kinder haben, zumindest zu Beginn, grosse Schwierigkeiten dem Ablauf zu folgen, da ihre Muttersprache, der Berberdialekt Tachelheït, vom Arabischen völlig unterschiedlich ist.
So sind viele der Erwachsenen nach wie vor Analphabeten und nur wenige der Kinder gehen nach den ersten sechs Pflichtschuljahren auf die weiterführenden Schulen im Marktort Tabant. Das vermittelte Wissen bleibt meist eher schlecht als recht hängen.
Durch moderne Errungenschaften wie das Fernsehen und inzwischen auch Internet erfährt die Allgemeinbildung zwar einen kleinen Auftrieb, die Gemeinschaftsbande und Traditionen werden durch die modernen Medien aber geschwächt und realitätsfremde Sehnsüchte werden genährt.
Auch durch die relativ neue Teerstrasse, die das Tal mit der restlichen Welt verbindet, durch Elektrizität und einen wachsenden Besucheransturm, findet momentan ein rascher Wandel in der Lebensweise der Menschen statt.
So werden die Einheimischen jedes Jahr stärker mit den Gegensätzlichkeiten zwischen ihrer traditionellen Lebensweise und der Moderne konfrontiert und bekommen kulturelle Unterschiede und die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr zu spüren. Umweltverschmutzung, Landflucht, Arbeitslosigkeit und eine wachsende Unzufriedenheit unter den Jugendlichen machen sich leider immer deutlicher bemerkbar.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich seit 2006 die Idee einer alternativen Bildungsmöglichkeit für die Kinder und Jugendlichen des Tales mit den grundlegenden Fragen:
Wie kann man bessere Lernbedingungen schaffen? Wie kann man den Kindern Wissen vermitteln ohne sie in Konflikt mit ihrer familiären Lebensweise zu bringen? Wie kann man sie sensibel auf die sich immer schneller ändernden Lebensbedingungen vorbereiten und sie dennoch in ihrer traditionellen Verwurzelung und der Liebe zur Heimat stärken? Wie kann man neue Möglichkeiten schaffen und bessere und globalere Zukunftschancen bieten? Wie kann man eine individuelle, kreative, umfassende Bildung ermöglichen, die neue Horizonte eröffnet und persönliche Talente fördert?